Bericht über mein Unterrichtsmodell in Chile 2008      
 

23.11.2011

Briefe aus Chile 6

Meine Lieben

Blitzlichter. Was mehr könnte ich darstellen? Alles ist ein kläglicher Versuch, die Wirklichkeit in ihrem rasenden Tempo abzubilden.

Herzlichen Dank Euch allen, die Ihr mich mit Euren lieben Gedanken unterstützt und es möglich macht, dass sich so ganz langsam alles zu einem grossen Ganzen fügt, das Fundament ist da, an den Pfeilern bauen die Kinder mit, ihr guter Appetit sagt uns, dass sie tüchtig arbeiten. Sie fragen manchmal auch: War ich jetzt wirklich gut, Tía Maria Teresa? Und Hojan, ein, ich muss fast sagen, gorillaähnlicher Dickkopf, seine Eltern sitzen ihre Haft im Knast ab, Mord, war ob meiner Evaluation des Tages so voller Emotionen, dass er durch die ganze Klasse gelaufen ist, mich umarmte und laut verkündete: Te amo. Aber, Du warst doch so eifrig den ganzen Tag, Du hast Dich so super benommen, nicht ich. Und dann erneut: Te amo. Ein Kind, das Mühe hat zu sprechen, sich lieber durch den Tag schlägt und möglichst jedem in der Nähe noch eins drauf gibt. Ihr versteht, dass man dann alle Früste und Müdigkeit und hohen Ansprüche an sich selbst vergisst und einfach da sitzt und weint, vor lauter Glück.

Natürlich habe ich Zeit an Zuhause zu denken, an den mir verlorengegangenen Herbst, er ist ja meine Lieblingsjahreszeit, - dass ich hier den zweiten Frühling im Jahr erlebe, wird ja wohl auch seine Bedeutung haben,- vor allem abends, wenn neuer anderer Lärm sich breitmacht und sich die Helle ausdehnt, der Stromverbrauch ist hier kein Thema, steigen die Gedanken auf, nachdem der Kopf und anderes tagsüber chilenisch funktionierte, da sehe ich dann mein Knusperhäuschen, das von Käthi, Susi und Karl so wohl gehütet wird, ich denke an Euch alle, die Ihr mir oft fehlt für einen Schwatz, einen schweizerdeutschen oder es mag ja auch deutsch sein, um loszuwerden, was gleich im nächsten Moment schon wieder unwichtig ist...an meine früheren Kolleginnen in Schlatt, dank denen ich über einen Laptop verfüge und Euch mit Nachrichten voll stopfen kann, an Luisa und Valentin natürlich, die sich hie und da auch bemerkbar machen etc. etc. Aber morgens gilt es dann wieder die chilenische Fahne zu hissen.

Eine neue Woche
Kinder von vier bis sieben sitzen auf ihren Stühlchen im Schulhof. Die Vögel zwitschern, es ruhen die Apfelkerne in ihren Gläschen am Schatten, die Sonne wird durch den breitgespannten nicht mehr ganz taufrischen Baldachin etwas zurückgehalten. Die Nationalhymne ertönt: Männerstimmen ab CD. Die Kinder singen mit, ebenso tief versteht sich, das heisst einfach untere Sprechlage, die Tías ebenso, Bruststimme, Oktave tiefer als Frauenstimme, alle stramm, Hände hinter dem Rücken, Augen Richtung Musik:
Chile, dein blauer Himmel so klar,
die Winde, die dich durchziehen, so rein
die Felder von Blumen gesäumt,
Abbild des Gartens Eden.
Majestätisch das weisse Gebirge,
das der Herr dir als Gabe geschenkt,
und das Meer, das in Ruhe dich badet,
verspricht dir verheissungsvolle Zukunft.
Refrain
Süsses Vaterland, Dir gehört mein Gelübde,
dass Chile, ich schwöre,
immer Grab von freien Menschen
und Asyl gegen Unterdrückung sein wird.

Alle singen inbrünstig, der Refrain dringt aus allen Poren, dreimal wiederholt sich
Chile als Asyl gegen Unterdrückung. So, das wäre wieder einmal klar: Chile. Chile. Chile.

Und jetzt Teletón. 30 Jahre Teletón. Wenn Deine Mama Kleider von Ripley, Yoghurt von colden, Toilettenpapier von confort, Dein Papa Bier von.., Zigaretten von... kauft, helfen sie diesen Monat allen bewegungsbehinderten Menschen in Chile. Ebenso steht in Deinem Klassenzimmer das Kässeli der Bank von Chile. Und hier ist das Logo: Nicht vergessen: Dank Dir, kommen wir weiter. Am Ende des Monats fahren wir alle zur Bank und deponieren, was wir gesammelt haben, für Teletón. Ehrensache, wir bringen viel.
An einem Seil im Schulhof hängen die Fotos der Produkte, das Bild des Initianten Don Francisco, ein sympathischer Koch in den Fünfzig, ein Idealist, der als Zwanzigjähriger diese inzwischen landesweit bekannte Aktion Teletón gestartet hat, das Logo und eine Zeichnung zweier Maskottchen, die hier in Chile wichtig sind. Alles total Normalität, keine Spur von Beeinflussung, Super- Tänze, Super- Song, Teletón!!
Und es wird funktionieren: Neue Rollstühle, Spitaleinrichtungen, Therapiestationen, Vergnügungszentren. Morgen kann es Dich oder Deinen Freund treffen. Gracias a ti, podemos seguir, Teletón.

Schulausflug
Pralle Plastiktaschen, Limonaden und Coca Cola, alles Grossformat, jede Menge Lutschbonbons, Schleckstengel, CD-Player, Mikrowellenapparat, Kochplatte, Kiste mit Brötchen, Avocados, Tomaten, Mayonnaise und Ketchup im Gigapack. Kinder mit Hütchen, eingecremt, die meisten in Begleitung des Vaters oder der Mutter oder der Grossmama, in zwei Schulbussen und im öffentlichen Bus, einem noch funktionierendem Relikt aus älterer Zeit.
Ankunft am Ziel: ein grosser wunderschöner grüner öffentlicher Park mit allhalbstündlichen Wellen von Blütenpollen der Akazien und Platanen, die dann überall sitzen und eindringen, feucht und leicht klebrig.
Programmansage durch meine Kollegin auf einer Anhöhe per Mikrophon, Eltern in Aktion, chilenische Tänze für jedermann mit Musik, die aus den Socken reisst...
Spiele wie Sackhüpfen, aber bitte nicht Jute, sondern schöne orange, rote, grüne grosse Säcke, Bonbons im Mehlteller nachzüngeln, Rennen mit Kindern auf dem Rücken, Seilziehen, Ballonjagen, sämtliche Utensilien vorbereitet und mitgebracht von den Eltern, immer schön Buben-Mädchen-Kinder, Frauen-Männer-Erwachsene, Väter-Kinder, Mütter-Kinder, Eltern-Kinder abwechselnd. Und alle werden umarmt und geküsst und mit den hundert Süssigkeiten belohnt für ihre Erfolge und ihr Misslingen und alle applaudieren, die Papas den Mamas, die Mädchen den Buben, die Kinder den Erwachsenen, die Erwachsenen den Kindern. Auch die Tías tanzen und singen um die Wette.
Mittagessen. Schnell ein Tischtuch über die grauslichen Tische unter dem geflochtenen Dach, hier rosa, anschliessend, grün, weiss, blau, dort gestickt, gehäkelt, mit Bordüren. Und nun ein paar Besenstriche, um das übriggebliebene Wasser vom morgendlichen Putz des Parkaufsehers wegzuschieben, dann ein Meer von Flaschen auf den Tisch, die Kinder an Spielgeräten und im Park, die Mütter beim Klopfen, Streichen, Rühren, Sieden, Braten, die Väter am Sitzen und Diskutieren- es lebe el machiste- Meine Frage: Warum helfen die Väter nicht mit? Lautes Lachen: Zu langsam, zu ungeschickt, sie lenken ab, sie schwatzen bloss. Lass die dort reden, so kriegen sie Appetit. Wir haben's lustiger hier.
Hola, zum Essen. Möchtest du ein completo: Brötchen, Tomatenhack, Avocado, heisses Würstchen und viel Mayonnaise und Ketchup. Hände waschen obligatorisch, mit Kontrolle, überall in den öffentlichen Pärken läuft irgendwo ein Brünnelein, anstehen, fassen, und jetzt noch etwas Süsses zum Trinken, Pap zum Beispiel, lauter Chemie, aber wunderschöne Farbe. Zum Nachtisch bedient man sich der tausend Köstlichkeiten aus Säcken, Dosen, Schachteln der lieben meist rundlichen Mamas.
Neue Tänze, neue Spiele, neue Pollenwellen.
Und gegen Abend diesselbe Stunde Fahrt mit viel weniger Gepäck und fröhlichen lauten Kindern und Eltern. Rundum muchas gracias, Küsse und hasta mañana.

Aus der Schule geplaudert
Den ganzen Morgen getanzt, geschrieben, gesungen, zugehört, das macht Hunger.
"Ich habe zwei Händchen, um sie zu falten.
Ich habe zwei Äuglein, um sie zu schliessen.
Jesulein von Bethlehem
Segne diesen Tisch
segne Mama, segne Papa
und alle Freunde,
die mit mir sind. Amen.
Es folgt das schwungvolle Kreuzzeichen, das wir Nüchtlinge bei den Sportanlässen immer so bewundern...

Eric, der kleine Dicke, denkt irdisch. Sein Bauch geht vor, er hat Hunger, und ihm ist das Gebet zu lang. Also trinkt er genüsslich seine Milch. Das Amen seiner Freunde lässt ihn erwachen. Er guckt mit den unschuldigsten Augen in die Runde, aber der Schnauz verrät ihn. Ein grosses Gelächter bricht los. Eric schämt sich schrecklich, ein Spiegel bringt ihn die weisse Pracht zum Lachen. Muss ich jetzt nochmals beten?
Eric ist das faulste Kind, dem ich je begegnet bin. Kaum vom Stuhl aufgestanden, muss er sich stützen! Selbst in der Pause setzt er sich meist in den Schatten. Steht er irgendwo, um zu tanzen oder zu singen, sucht er gleich die Mauer zum Anlehnen. Beim Schreiben stützt er den Kopf, beim Zeichnen legt er sich über den Tisch. Aber beim Verabschieden küsst er mich, sagt, er habe mich lieb, auch wenn er tagsüber wenig Komplimente eingeheimst hat. Seine grösste Freude ist ein voller Schulsack mit viel Coca-Cola, Chips und Bonbons. Den stellt er neben sein Mittagessen aus der Schule und ist glücklich. Alle Energie wird weggekaut, wegverdaut.
Seine Mama, eine kurvige Diva, ist offensichtlich anderweitig beschäftigt, Eric wohnt mit seiner Grossmutter, einen Vater gibt es nicht.
Warum soll Eric seinen Kummer nicht einpacken dürfen?

Zoologischer Garten Rancagua, Schulexkursion
Schulbus vollgestopft mit 23 Kindern und fünf Erwachsenen, eigentliche Kapazität acht Personen. Keine Sicherheitsgurten, Motor läuft ohne Chauffeur, offene Türe, Fahrer erscheint, palavert noch in alle Himmelsrichtungen, setzt sich ans Steuer und fährt los. Keine Türkontrolle natürlich. Es fährt sich durch die Stadt ans andere Ende in das nächstgelegene Dorf auf dem Land, Affentempo, die andere Hälfte soll ja auch noch tranportiert werden, Hupen bei Wartezeiten von mehr als drei Sekunden, fröhliches Saltospringen über Schikanen, herrliches Kurvenliegen, Geholper und Gestolper über Schotter und Kies, Eintauchen in weichen Sumpf: Wir kommen an. Zürich und Basel vergessen. Ausser dem auf einem Meter hin- und hertanzenden Bär, der laut Erklärung der Zoobegleiterin aus einem Zirkus stammt und deshalb apatisch seine monotonen Bewegungen ausführt, sein jetziges Revier ist allerdings sehr klein, erscheinen mir alle Tiere, Tiger, Löwen, chilenische Pumas, die herumlaufenden, Hühner, Pfauen, Enten, Gänse gesund. Den Kindern gefällt die Fahrt im Safariwagen- Disneyzug-, auf den Seiten mit gefüllten Barren, Fahrt durch weites Gelände, wo uns Lamas, Alpacas, Vicuñas, Ponny, verschiedene Ziegen und Schafe empfangen , begleiten und es geniessen, aus den Barren gefüttert zu werden. Wir sind von Geruch und Gefell vieler Zoobewohner umgeben, auch der chilenische Vogel Strauss ist da, kleiner als der afrikanische. Ein Straussenei wandert durch alle Hände, Gewicht von 24 Hühnereiern, wunderschöne, harte Schale. Ein Kind kennt eine Tante, die eine Strausseneilampe besitzt. Es geht durch Pfützen, über erschreckend enge Brücklein, durch Kies –und Schlammfeld. Immer wieder gibt es etwas zu halten, zu riechen, zu streicheln. Der Alte vom Zooeingang lässt uns bei der Ankunft am Ausgangspunkt von seinen Nüssen kosten, billig seien sie und natürlicher als das blöde Schleckzeug. Ernähr deine Enkel richtig! sagt er mir und geht. Inzwischen warten andere Kinder auf das Safari-Erlebnis, unsere Einerkolonne zieht löwenwärts, ein gesättigtes Paar zeigt sich in der goldenen Sonnenpracht, blinzelnd die Gattin, der Löwenmann fauchend: Abstand bitte.
Sämtliche Gehege würden kaum schweizerischen Sicherheitsvorschriften genügen. Oft beträgt der Abstand zwischen Tier und Mensch kaum einen Meter, die Absperrungen sind normale Gartenzäune. Chile kennt keine Gefahren, d.h. alles geschieht auf Eigen-verantwortung. Eltern und Lehrpersonen sind gebeten für entsprechendes Benehmen ihrer Kinder zu sorgen. Aber.. Dylan möchte den Löwen zwicken, könnte er, seine Hände sind klein und die Zaunquadrate gross, Jesús hält ein Steinchen in seiner Hand, der Adler nähert sich, Yaritza steigt auf die wackelige hölzerne Absperrung, es winkt ein Bad im Wassergraben, Brandon ist eben im Begriffe, dem Tiger aus Bengalien seine Mütze zu zeigen, es knurrt nicht ungefährlich hinter den Stäben, Hojan schiebt seinen Fuss ins Gehege des Wildschweins, Jennifer spuckt in Richtung Pavian, Nicolás jagt den Pfau...... Wir sind alle fröhlich und gesund nach Hause gekommen! Ich habe geduscht und gleich die zweite Gruppe (Nachmittag) in Empfang genommen. Noch schlimmere Aktionen. Aber wiederum ohne Schaden zuhause gelandet. Wahrscheinlich ist in Chile die Elitetruppe der Schutzengelarmee im Einsatz.

Tanz am Abend
Frauen, die ihre Tänze vorführen, jeden Alters, jeder Körpergrösse, bauchfrei, wunderbare Haartracht, wunderbare Kleidung, ein Gemisch von arabisch und spanisch. Liebe, Tod, Freude, Traurigkeit, Abschied, Wiedersehen, Verlust, Geschenk, Sehnsucht. Auch eine schwangere Frau tanzt. Sie tut es für ihre Martina. Berührend.
Es schüttelt rüttelt schwankt dreht windet bläht träumt schluchzt ruft verspricht geniesst schmerzt auf der Bühne. Es glänzen und glitzern die Körper, es funkeln die Augen, es lächelt und lockt der Mund. Eine Wucht von Lebensenergie, Lebensfreude, Stolz, Kraft, Macht, Schönheit, Anmut und immer Vornehmheit, Noblesse, keine Anbiederung. Was für ein Potential: La mujer chilena.

Sonntagsmesse
Kinder in den Armen ihrer jungen Väter, Alte mit ihren Söhnen und Enkeln, ganze Sippen, Arme und Betuchte. Ein Zweijähriges, das mit hellen Jauchzern den Gang erkundet und gleich von der Mutter gestreng an die Brust gedrückt und lustvoll abgeschmatzt wird. Stolze Männer und Frauen in den besten Jahren, die das Lektorat und die Fürbitten vortragen, keine weinerlich fröstelnd frommen Stimmen, und das Opfergeld einsammeln, nicht ohne stets kontrolliert zu haben, wie viel denn da "eingeflossen ist". Ein ca. zehnjähriges Mädchen und ein ca.zwölfjähriger Junge, die ihren sehr alten und kaum gehfähigen Grossvater mit kleinen Schritten behutsam zur Kommunion und anschliessend wieder an seinen Platz zurückbegleiten, und faszinierend immer wieder der Friedesspruch: Der Friede des Herrn sei mit Dir, dies nach allen Seiten, mit herzlichen Worten, Gesten Blicken, kein Muss, kein Ritual, Freude, alle, die man kennt, hier anzutreffen, hier, dort, links, rechts, vorne, hinten, drüben. Und diese erstaunliche Palette eines Völkergemischs: sämtliche Augen- Nasen- Mund- Kopfformen. Stark gekräuseltes, seidenes feines, abstehendes gerades, dichtes gewelltes, schwarzes, braunes, gefärbtes Haar.
Ein Hund bester Rasse, ein Chow Chow- spaziert durch die Kirche, kein Mensch kümmert sich darum, am Schluss des Gottesdienstes sehe ich ihn wieder, ganz vorne beim Altar wedelt und schnüffelt er.
Eine wunderschöne Woche wünsche ich Euch allen. Damit sind wir entlassen, vorbei an den für uns süsslichen Bildern und Statuen, vorbei an den singenden und musizierenden Schönen hinaus zum Popcorn und Coca Cola, zu den Schokoplätzchen und Limonaden des kleinen listigen Männchens mit den zwei auffälligen Zähnen. Und, es sind erst 45 Minuten vorbei, samt Predigt. Die Chilenen sind schnell. In allem.
Trotzdem überrascht mich diese natürlich Gläubigkeit im täglichen Leben. Vom brummigen Buschauffeur bis zum Schlitzohr eines Gemüsehändlers, von der vollbullbusigen Attraktiven bis zur altledernen Krummen, alle tragen irgendwo ein religiöses Zeichen, auch am Arbeitsplatz und in jedem Büro ist irgend ein Bild anzutreffen. Und obwohl scheinbar auch in Chile der Draht nach Rom nicht gerade heiss wird, wissen alle, wohin man sich in Kummer und Sorgen wendet.

Büchermesse iMeine Lieben

Eben hat die Nana, unsere peruanische Hausperle, die Wäsche aufgehängt. Draussen im Hof trocknen all die nassen Stücke in der prallen Sonne, nachdem sie in der Maschine mit viel Omo und kaltem Wasser durchgeschüttelt wurden. Es gibt auch hier verschiedene Programme, ich nehme an, dass je nach Beschaffenheit mehr oder weniger gedreht und gewrungen wird. Meist ist alles sauber und riecht nach irgendwelchem Wäschearoma. Das Bügeleisen kriegt dann noch ein paar Bakterien mehr weg.
Die Alternative ist selber waschen, das erspar ich mir.
Nana ist rundlich und fröhlich, heisst eigentlich Señora María Jimenez , ist Mutter von drei Kindern, der Mann arbeitet auf dem Bau. Sie erscheint jeden Morgen gegen neun Uhr, ich sehe sie erst um halb zwei zum Mittagessen, dann hat sie das Haus schon auf Hochglanz gebracht, mein Bett säuberlich zurecht gemacht, und, wer weiss, die ganze Kammer neu umgestellt, bis jetzt nur viermal, aber ich finde alles wieder, einfach an einem andern Ort. Man lernt über solche Kleinigkeiten zu lachen, und Señora María findet es höchst kreativ, wenn sie neuen Wind in die Möbel blasen kann, tut sie auch mit dem Salon, Esstisch hier, dort, Sessel vor oder hinter dem grossen Spiegel. Meist hat sie sich dabei etwas gedacht, mehr Ordnung, mehr Licht, übersichtlicher, heller, freundlicher, schöner...Sie lacht schallend bei ihren Bemerkungen.
Dem Kleinen erteilt sie ein bisschen Nacherziehung oder tollt sich mit ihm auf dem Boden, lehrt ihn ein paar Liedchen vom Land und hütet ihn, wenn Frau Mama zum Einkaufen, zur Sitzung oder in die andere Schule fährt, wo sie noch Theaterunterricht erteilt. Carola hat keine pädagogische aber eine Theater- Ausbildung. Für ihre Direktorenarbeit im Kindergarten- momentan hundert Kinder- nimmt sie den Kleinen mit und überlässt ihn dort der Leiterin der Zweijährigen, eine Ansammlung schreiender, lärmender, weinender, spielender Kinder, die entweder in Richtung Toilette oder auf den Schulhof geführt werden, zwei Minuten brav am Tisch sitzen und Schablonen ausmalen oder Vorgeschnittenes kleben, um gleich wieder ein paar Runden zu drehen, jemanden zu kneifen oder die Telesendung zu imitieren "Lasy town" heisst sie, ein absoluter Bullshit.

Nanas Küche ist schmackhaft, etwas deftig zwar, aber im Unterschied zum Abend habe ich mittags einen Bärenhunger und weiss einen vollen Teller zu schätzen, Mais und Schweinebein und Tortilla und noch einen Flan zum Beispiel. Wenn unsere vierzigjährige Peruanerin um sechs das Haus verlässt, hat sie für das Abendbrot, das je nach Programm zwischen sieben und zehn Uhr stattfindet, den Tisch schon gedeckt. Samstag und Sonntag sind ihre freien Tage, das ist Arbeitsrecht. Ihr Verdienst sind ein paar Schweizer-Putzfraustunden.

An der Schule breitet sich der Schweizer-Farbteppich aus: Caran d'Ache und Prismalo grüssen von den Wänden, und frauiglich staunt über den langen Atem der Farbstifte, die nach x-maligem Spitzen immer noch taugen und nicht wie die chilenischen (oder wahrscheinlich chinesischen) ständig brechen und matt sind. Die Kleinen können nun schon eine Stunde durchhalten und letzte Woche wollten sie ein paarmal in der Pause durcharbeiten..."damit wir am Schluss noch Zeit haben, alle Lieder zu singen." Wau!
Die Gouachetöpfchen sind auch schon eingeweiht, ebenso die famosen Neocolor. Spuren auf ewig im Zement, macht sich gut neben den Kritzern und Löchern. Im Moment ist Papa Schubi zu Gast mit dem Wunder-Modelliermehl. Es müssen noch ein paar Vögel durch den Saal zwitschern. ..
Am Elternabend wurden wir tüchtig gelobt, die Kinder würden plötzlich viel erzählen, sie seien fröhlich und kämen weniger agressiv nach Hause, ob die Tía aus der Schweiz noch lange bleibe..."Nein, aber wir planen einen Projektabschluss mit Ausstellung und szenischen Einlagen, zeigen das entstandene Werkbuch und erzählen von der Arbeit während den letzten sieben Wochen."
"Sagen Sie uns, ob wir behilflich sein können, wir sind dazu gerne bereit." Das ist nicht selbstverständlich, ich bin ja hier "der Gringo". Und Chilenen sind rassistisch, und wie!, da sind wir Schweizer direkt anständig. Aber offensichtlich haben die Kinder den Sympathieteppich ausgerollt, und ich kann einfach darüber laufen, immer brav begleitet von meiner Kollegin Pilar, die Gold wert ist. Unsere Zusammenarbeit ist erspriesslich, wir verstehen uns auch privat sehr gut, ein Glücksfall.

Die Schule kostet im Monat fünfzehn Franken, nächstes Jahr neunzehn, es gibt Eltern, die das nicht bezahlen können, meist arbeiten beide Elternteile, damit das Gehalt reicht für all die Bedürfnisse neben dem Alltag. Ein Lehrer mit der höchsten Auszeichnung kriegt tausend Franken Monatslohn, "normale" 400 bis 500 Franken, die Primarschule kostet dreissig bis achtzig, die höheren Schulen weit über hundert Franken pro Monat.
Alle Kinder tragen Uniformen mit Schulabzeichen, unsere Kinder eine Art Doppelschürze, auch die Lehrer sind an ihrer Berufskleidung zu erkennen. Je nach Collegium mehr oder weniger uniformig....Letzthin fand hier eine Versammlung statt, an der man sich Gedanken machte, was man den Kindern zu ihrer "Graduation" , sprich Zeugnis, schenken könnte, ebenso wie der Hut, den die "Absolventen" zum Abschluss tragen sollen, aussehen soll. Dinge, die uns erstaunen, kostet das doch wieder eine Menge Geld. Aber, dieser Jahresabschluss ist eine Familienangelegenheit, Schule und Hof und Garten werden vollgestopft sein mit allen Verwandten und Freunden, um die Kleinen mit ihren Auszeichnungen zu feiern. Und nachher wird man die Fotos beim Fotografen holen, auswärts essen gehen, das eingerahmte geschenkte Foto der Schule zuhause platzieren, und es werden sich alle Jahre mehr dazu gesellen, bis die Bildungswand voll ist.

Pilar und ich amten in der letzten Zeit öfters als Krankenschwestern, Kinder kommen mit Fieber, Erkältungen, Viren, Durchfall, Übelkeit zur Schule. Auch Mamis, die zu Hause sind, schicken ihre kranken Kinder. Das ist nicht anders als in der Schweiz. Nur wird hier nach der Katastrophe im Schulzimmer nach Hause telefoniert und befohlen, dass jemand das Kind abholt.
Im Moment grassiert ein Hals-Bauch-Virus. Vom Wasser, sagen die einen, normal bei dieser Temperatur die andern. Die sonst kaffeebraunen Mäuschen sind blass und müde und oft am Weinen.
Der Spray ist hier allgegenwärtig, ebenso Chlor und Omo. Wir putzen Tische, desinfizieren Stühle, sprayen Alpen-Wald-und Weihnachtsduft. Und jeden Tag gibt es Milch in der Schule, warme Milch mit Schokolade oder farbigem Süsspulver, auch bei 30 Grad. Milch soll so gesund sein. In letzter Zeit werden auch Äpfel und Orangen verteilt, und wir schälen und schneiden und füttern....

Dezember ist Schulschluss, viele Wände sollten neu gestrichen, einige Böden repariert werden. Aber es fehlt das Geld. Also bleiben die grossen Löcher , die ein "antiker" Teppich barmherzig zudeckt, im Schulzimmerzementboden, bleiben die Unebenheiten, über die ich anfangs stolperte, bleibt die abblätternde Wand mit dem Pistachegrün, die gefährlichen Löcher auf dem Schulhof, die spitzigen Ecken der Mauer, gibt es keinen einzigen Holzboden, die Rutschbahn endet auf Pflastersteinen, nichts ist gesichert. Auch hier arbeiten Schutzengel auf Hochtouren.
Was soll's, in den Toiletten läuft das Wasser, Toilettenpapier hat es immer, auch zum Naseputzen, Tisch trocknen, als Serviette, Handtuch usw. Im Winter sitzen alle mit den Jacken an den Tischen und falls das kleine Öfchen funktioniert, reicht auch der dicke Pullover. Nur der Boden bleibt kalt. Dicke Socken, dicke Sohlen, wer sich das leisten kann!
Und falls es regnet, ja dann ist's eben feuchter als sonst. Es soll schon vorgekommen sein, dass die gelagerten Papiere nur noch fortgeworfen werden konnten...Aber, so ist das eben, und es wird ja immer wieder Frühling und Sommer.
Jetzt, im Moment, wo die Sonne brennt, stöhnen alle: ! Qué calor! Nur die Tía aus der Schweiz trägt noch Strümpfe und zieht gar nichts Sommerliches über, ich habe einfach keine Lust auf diesen trockenen Husten, den ich überall höre, und mein Halsweh reicht mir für die nächste Zeit.

13. November, Grosses Ereignis im Zentrum Rancaguas, nein diesmal findet keine Manifestation statt, sind keine Sprechchöre zu vernehmen, keine sonnenbebrillten Tambouren zu hören, keine Fahnen, Schilder zu sehen, kein Gepfiffe dringt ans Ohr. Ganz fröhlich geht es hier zu und her. Die Sprachschulen- Basistufe mit Schwerpunkt Sprachentwicklung- stellen sich vor, es sind weit mehr als zwanzig, Privatinstitutionen mit Unterstützung vom Staat.
Marktbuden sind aufgestellt, darin Aktionen der Schule während des Jahres zu sehen, zu lesen. Alles ist farbig dekoriert, Kinderzeichnungen, Drachen, fliegende Hexen, Experimentierrohre, Herzen aller Farben mit Inschriften wie "Alles für Dein Kind- Wähle uns, wir sind die besten.- Bei uns findet Dein Kind, was zu ihm passt. -Eltern, es kommt auf die Art der Schule an". Fotos, Musik, ein Präsent, Erinnerungsklämmerchen, Schokolade, Bonbons, gebrannte Mandeln, ein Prosepekt der Schule. Werbung pur.
Nun präsentieren sich auch die Kinder mit ihren Szenen und Tänzen chilenischer Kultur. Das Mikrofon bedient eine stimmgewaltige Dame aus der Pädagogenzunft. Ihre Ansagen und Kommentare sind ein Gemisch von Lob und Tadel, Zeigfingertaktik, von Selbstdarstellung, Lobhudelei an den Staat, Glorifizierung der Erziehung für Kleinkinder.
Schüchtern, keck, übermütig, konzentriert, ausgelassen, ängstlich, sicher, forsch, zurückhaltend treten sie auf, die Kleinen in ihren verschiedensten Kostümen, in "Cut und Gox" chilenischen weit ausladenden farbigen Kleidchen.
Eine Gruppe, ganz in Schwarz, interpretiert das Lied vom Tod der jungen Braut, makaber das Ganze, schwarz der Tisch, die Teller, die Kelche, das Besteck, die Servietten, das Tischtuch, schwarzes Buch, schwarz die Kleidung der Gäste und des Hochzeitspaares, schwarzes Brautbett, rot der Brautstrauss und weiss der Doktor, der nichts mehr ausrichten kann und dies zur Melodie eines Liedes , dass einem die Tränen gleich aus den Augen stürzen. Selbst der junge Cavaliero neben mir schneuzt sich.
Auch Tía Mónicas Schule ist da, alles gut und säuberlich aufgestellt am Stand, das Präsent im adretten Kästchen, der Werbeprospekt mit "Academía de lenguaje" überschrieben, alles sehr übertrieben. Beim Lesen der andern Schulprospekte aber scheint mir der Text dann doch geradezu bescheiden.
"Unsere Kinder" interpretieren das Mapuchee-Epos, viel Trommelwirbel, Hüftschwung, Männer unterwegs mit ihren Pfeilen auf Kanufahrt, vom Ufer aus von dem listigen Blinzeln der hübschen Mädchen und ihren Rhythmen begleitet. Grosser Applaus!
Ebenso ist ein Sonnenritual zu sehen, bildschöne Mädchen in Sternenkleidern, ein Indiogesang, dem Sonnengott gewidmet. Aus den handgeformten Schalen steigt der heilige Rauch zum Himmel.
Fast zwei Stunden stehen wir in der prallen Sonne und reisen durch die zwölf Regionen Chiles. Und da wir das Aushängeschild der Schule sind, halten wir durch. Müssen wir. Die Kinder allerdings rutschen immer mehr auf dem Boden herum. Ich bin ziemlich am Schwanken... Nicht die einzige...

Ein bisschen matte, aber herzliche Grüsse. Unkraut verdirbt nicht. Ausser man brennt es ab.
Maria Tresa/ Marie-Thérèse

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