01.12.2011
Briefe aus Chile 7
Meine Lieben
Anfangs der Woche wurde ich eingeladen, mit der jungen Familie das Wochenende am Strand zu verbringen. Am Donnerstag hat man mir mitgeteilt, dass man mit dem Kleinen lieber ins "Santiago Technorama" fahren möchte. Schon gut, habe ich geantwortet, ich nehme meinen Rucksack und fahre allein weg.
Deshalb bin ich jetzt am Packen, denn morgen früh mache ich mich auf Richtung Terminal, wo die vielen Tour- Busse stehen und Richtung Süd und Nord fahren.
So leise wie das im Haus möglich ist mit dem plätschernden Wasserspeier, den quietschenden Türen, dem lärmigen Wasserkocher, den penetranten Hunden, schleiche ich mich aus dem Haus. Erst einmal wähle ich die falsche Autobusrichtung, aber der Fahrer macht mich sofort darauf aufmerksam und zeigt mir, wo ich auf der gegenüberliegenden Seite einzusteigen haben.
Viel Glück, sagt er, und pass auf Dich auf!
Mit dem Tour-Bus habe ich schon mein erstes Glücksmoment, üblicherweise müsste man vorbestellen. Also dreieinhalb Stunden Richtung-Südwesten, mein Sitznachbar ein stinkender Jugendlicher mit Stöpseln im Ohr: Techno. Eben kauft er sich ein Paket Schokoplätzchen, es sind zehn, sagt der fliegende Verkäufer, willst du lieber fünf? Nein, zehn. Und er f...sie alle, schmatzend und schnell die ersten, schmatzend und immer langsamer die letzten. So, das wäre hinter mir.
Wir betrachten uns, nicht gerade erfreulichen Blickes, beidseitig. Ich hätte ihm ja auch etwas Besseres gewünscht. Und mir ebenso.
Links vorne sehe ich eine alte Mapuchee, Nase wie Sioux Häuptling, markantes Faltengesicht, und jetzt sehe ich die Frau, sie bohrt mit ihren scharfen Augen in den meinen. Hu.
Der Bus ist vollbesetzt. Nein, es steigen noch mehr dazu, viele stehen. Eine Leuchtschrift informiert, dass die Geschwindigkeit des Busses per GPS kontrolliert und jede Übertretung geahndet wird. Jetzt geht's los, wir flitzen zwischen neunzig und hundert über die Autostrasse. Nach einer Fahrt an Weinbergen, Mais- und Weizenfeldern vorbei erreichen wir Santa Cruz, die Stadt mit den schönen zweigeschossigen Häusern aus der Kolonialzeit, Veranda, Holztreppen, Holzgeländer, grosser mit Glasdach überdeckter Eingang, einige noch im besten Zustand. Man steigt um und aus, holt sich ein Brötchen mit Avocado, ein farbenfrohes Eis, ein eingepacktes Fleischbrot , ein Coca Cola, der Bursche neben mir döst, ich habe Glück und entdecke einen Sitz neben einer jungen Frau, schnell gewechselt, es riecht nach Nivea, richtig, die blaue Dose kommt zum Vorschein, Madame pflegt Hände und Gesicht. Sie hat recht, es ist furztrocken.
Weiter geht´s, die Landschaft wechselt zu Palmen, Oliven, weichen Hügelzügen. Nun fahren wir über eine Landstrasse, etwas holperig zwar, aber dafür sehen wir mehr von den kleinen verstreuten Dörfchen. Es sind viele Hütten zu sehen, erste Qualität: gemauerte Häuschen, zweite: Holzwände mit Lehm überstrichen, dritte: Holzwände, letzte: Lehmwände, das Dach ist immer aus Wellblech, viele Hüttchen sind schief und baufällig, in den Gärtchen rundum blühen die Blumen, hängt die bunte Wäsche. Noch zweimal wird Halt gemacht, der Fahrer erfüllt offenbar auch Privatwünsche, er hält hie und da mitten in der Landschaft kurz an und lässt jemanden aussteigen.
Und endlich, hinter dem letzten Hügel erscheint das Meer, weit, breit. Pichilemu. Ich steige im Zentrum aus. Eine ganz andere Luft als in Rancagua. Meeresbrise und Wind. Kein Smog. Wiederum Glück. Der Herr auf dem Touristenbüro, ein Ministändchen, gibt mir einen Plan des Städtchens und auf meine Frage über eine Empfehlung eines Zimmers, bietet er mir seine Begleitung an, stellt mich 200 Meter weiter als jemanden aus seinem Freundeskreis vor, hier sei mein Hotelzimmer in einer alten Residenz bei einer vertrauenswürdigen Witwe, die faire Kosten verlange. Fernando verabschiedet sich freundlich und wünscht mir einen schönen Aufenthalt. Die Witwe entpuppt sich als eine geschäftstüchtige Chilenin, sie fragt mich allerlei, aber, da ich ihr offensichtlich sympathisch bin, hat sie für zwanzig Franken ein schönes Doppelzimmer mit Bad bereit. Nicht mit Sicht aufs Meer, eher auf Löcherdächer und einen Hinterhof, und das warme Wasser ist in der Tat kalt. Das ist so zu dieser Jahreszeit, sagt sie mir. Wir haben noch wenig Gäste.
Das Innere des Hauses ist bildschön, eine Residenz mit Blumen und grossblättrigen Pflanzen im Innenhof, mit Krügen und Töpfen auf den Stufen, die Treppengeländer geschnitzt, das wenige Personal, das ich sehe, freundlich.
Ich spaziere zum Strand, werde hundertmal auf dem Weg eingeladen, ins Pferdefuhrwerk zu steigen und eine Rundfahrt zu machen. Aber, mich zieht es wasserwärts, Sand, Sand, Sand, weit ist's bis zu den Wellen, aber wunderschön. Die Fischer sortieren ihren Fang, viele Lobster und Muscheln, auch grössere Fische zappeln noch in den Netzen. Familien sind da, viele jungen Pärchen, es ist Samstag, da hat jedermann Zeit, dazusitzen oder die Füsse zu baden. Schwimmer habe ich keine gesehen. Mein Mittagessen nehme ich in einem Restaurant am Strand ein, dort treffe ich Bob Marley, Elvis Presley, Madonna und eine vierte Kreatur aus der Popszene, sie grüssen von den Wänden, etwas befremdend in dieser "Blockhütte mit Tessinerstühlen und Holzboden". Die Meeressuppe ist eine Köstlichkeit, Muscheln aller Art und ein paar Lachsstücke, fast Elfie Casty, die Bedienung, ein Herr natürlich, zuvorkommender als im neuen Dolder in Zürich... das ich zwar nicht ausprobiert habe...
Am späten Nachmittag verliere ich mich an den kleinen Kunsthandwerkständen, es gibt so vieles zu bestaunen, Vögel aus Holz und Taschen aller Techniken, gestickt, gewoben, aus gestanztem, gefärbten Leder, Kupferteller und Kupferbilder, die kunstvoll gedrehten Armbändchen, die Ketten, die Jacken und Mützen und Hosen. Ganz auffällig sind die ungewöhnlichen Farbkombinationen. Sie erinnern mich wiederum an Südostasien.
Nun kaufe ich noch mein Rückfahrtbillet, ein Gedankenblitz beim Lesen des Schildes Tour Bus sagt mir, dass ich das gescheiter jetzt erledige, und tatsächlich kriege ich einen der letzten Plätze für den nächsten Abend. Die Dame am Schalter fragt mich, ob ich Lobos kenne, das Zentrum der Surfer, ganz nahe bei Pichilemu, das müsse man unbedingt gesehen haben. Ich steige in den nächsten Bus und fahre los. Das letzte Stück zum "Kap" laufe ich.
Sie hatte recht, die junge Frau, da können einem die Augen übergehen. Auf zwei riesigen Felsblöcken, mitten im Meer, wo sich sich die hohen Wellen des wilden Meeres in rhythmischen Wogen brechen, tummeln sich Vögel aller Art, auszumachen sind Pelikane und eine Art Fischreiher. Immer wieder hebt einer der Himmelsstürmer ab und rauscht übers Wasser. Langsam färbt sich auch der Horizont und taucht das Gestade, blühende Kakteen, in ein Farbenmeer. Alles gleisst und glänzt. Die Surfer tanzen über die Wellen. Ein Schauspiel besonderer Art. Ein wunderbarer unvergesslicher Ort. Die Häuser sind weit weg, Man könnte hier für die Ewigkeit vorausruhen.
Hätte mir auch passieren können, denn etwas übermütig und vielleicht etwas trunken ob der Schönheit dieses Naturereignisses habe ich die Zeit vergessen und den letzten Bus verpasst. So laufe ich eben mit dem Gedanken, dass es nur sieben Kilometer bis Pichilemu sind, habe aber wieder Glück, ein Kollektivtaxi nimmt mich nach einem halbstündigen Spaziergang mit. Jemand hat mir gesagt, dass eine Frau allein unterwegs sei, darum bin ich nochmals zurückgefahren. Willst du mitkommen? Der Fahrer bringt mich zur Residenz zurück, die übrigen Fahrgäste finden die Gringofrauen waghalsig. Sie sagen mir, dass ich in Pichilemu sicher sei, aber in Santiago dann aufpassen solle. Und Rancagua sei noch schlimmer. Da würden sie sogar das Kupfer an Denkmälern in der Nacht entfernen und mit den Steinfiguren ihre Hüttchen verbessern. Die letzte Bemerkung habe ich schon einmal gehört. Ich verspreche aufzupassen und verabschiede mich.
In der Residenz erwartet mich die Köchin ungeduldig und erkundigt sich, ob sie mir die Tortilla der Herrschaft auftischen könne, mit Tomaten natürlich. Sie bringt mir auch noch zwei Meringuesschalen, nicht Emmentalerart, viel luftiger, viel köstlicher, ein Schmaus, ich vermisse nicht einmal den Schlagrahm. Und weil ich so allein bin, schenkt sie mir noch ein tüchtiges Glas Likör ein. Der Schlaf lässt nicht auf sich warten.
Am nächsten Tag streife ich durch das Zentrum, wage mich auch in die Aussenbezirke, viel Armut ist da, auch Schmutz und Hässlichkeit. Die Menschen aber, denen ich begegne, sind höflich und freundlich. Ich werde öfters gefragt, wohin ich gehe, was ich suche, woher ich komme. Mir gefallen die verschiedenen Hausstile, farbige Häuschen auf Stelzen, weisse Holzhäuschen wie in Schweden, Häuschen mit kleinen Fenstern, viel Grün, viele Palmen, Pärke, sehr gepflegt und wie schon oft gesehen in chilenischen Grünanlagen, mit originellen Gartenbänken, die wirklich zum Ausruhen und Geniessen einladen. Ich glaube, Wasser ist kein Thema, überall wird fleissig begossen.
Die Rückfahrt ist schnell vorbei. Ich lese einen chilenischen Roman, zwischendurch döse ich, genau
wie mein beleibter Sitznachbar, der in den Armen die übrigens weisse Puppe seines kleinen Mädchens wiegt.
Zuhause sieht's katastrophal aus, der kleine Junge hat im Kindergarten einen Virus erwischt: Herpes im Mund, ganzer Körper mit Pusteln, Bauchweh und hohes Fieber. Die nicht gerade geduldigen Eltern haben zwei unruhige Nächte hinter sich, Hernán und Mónica konnten nicht helfen, sie sind Freitagabend aufs Land gefahren, also weht mir eine Brise Vorwurf entgegen, der ich standhalte und im Zimmer verschwinde. Ganz egoistisch habe ich mich entfernt, ich mag jetzt einfach nicht krank werden...
Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass die Medikamentation viel zu hoch war, die Reaktionen dementsprechend gefährlich, also hat man umgestellt und nicht mehr alle Stunden ein Zäpfchen hineintorpediert. Der Normaldoktor empfahl auch unbedingt eine Arztvisite im Kindergarten, da dort auch Bébés seien, die schon sicher angesteckt worden wären.
Inzwischen ist Mittwoch, der Kleine durfte seit Montag jeden Tag mit zum Einkaufen, das lenkt ihn offensichtlich ab, und er kriegt seine Ration Flan und Yoghurt mit der Spritze direkt in den Mund, und weil er so klein und süss und so krank ist, schiebt man ihm zwischendurch sein geliebtes Fleisch vorgekaut dazwischen oder lässt ihn am Coca Cola nuggeln. Madre mia. Da schreits in Dir.
Nächste Woche schliessen wir also unser Projekt ab. Freitags planen wir noch als "Spletts letzten Streich" einen Ausflug ins Observatorium zu den Sternen, alles hat schliesslich seine globale Ausdehnung, also können wir auch universal sein....
Am Dienstag bin ich in eine Schule eingeladen, über ästhetische Erziehung zu referieren, wen soll das nicht frieren, Luisas chilenischer Bruder Hernán, Professor an der Pädagogischen Hochschule von Santiago hat mir das eingebrockt. Wahrscheinlich werde ich dastehen wie ein Gringo dastehen muss, etwas blöd. Geschieht mir recht. Ich rede zuviel.
Also schliesse ich meinen sermón, ich fliege am 1. Dezember hier weg, direkt nach Zürich. Der Abschied von den Kindern wird mir nicht leicht fallen. Ich mag sie alle sehr. Das Naseputzen und Trösten, das Schuhebinden und Zurechtweisen, das Verköstigen und Tische waschen, die rennenden und mich umzingelnden Kinder am Morgen, ihre Qualitäten und Macken, ihr Geschrei und ihre sagenhafte Zerstreutheit, die umgestürzten Milchbecher und die wandernden grossen Bohnen auf dem Boden und auf dem Tisch, die Abschiedsküsse und die unschuldigen Fragen mitten im spannendsten Thema: Tía, ich habe Durst, hast Du Wasser? Tía, auf deinem Shirt sitzt ein Käfer, Tía, wann ist die Pause, ich hab einen Lippenstift dabei. Tía, wann spielen wir wieder Memory- ??? Pilar und ich haben vier Spiele mit einheimischen Vögeln gezeichnet- Ja, das alles wird mir fehlen. Vielleicht sogar der Lärm Chiles. Mal sehen.
Es bleibt mir, Euch allen zu danken, für die aufmunternden Worte, die Grüsse aus meiner lieben Schweiz, die Naturschilderungen, die politischen Rosinen, mein Gott, wenn "der Alte" wieder Bern besetzt....und es soll einfach nochmals gesagt sein, Freunde sind unersetzlich.
In diesem Sinne seid herzlich gegrüsst und umarmt.
Riesigen Dank nochmals für alles und auf ein glückliches Wiedersehen
Maria Tresa/ Marie-Thérèse
Rancagua, 21. November 2008
|