02.08.2010
Liebe Kollegin, lieber Kollege
Ferien. So viel Zeit. Sicher auch Zeit, diesen Brief zu lesen, obwohl der Lehrerschaft unterschoben wird, sie lese gar nichts. Diese scheinbare Tatsache ignorieren, das ist Dein erster Schritt. Also lies weiter.
Nein, es geht nicht um ein Projekt, auch nicht um eine Reform. Es geht um Deinen eigenen Unterricht. Unterricht, der Kinder fasziniert, Sachen in den grossen Zusammenhang stellt. Kunstunterricht ist dann auch immer Kunstgeschichte, Musikunterricht auch immer Musikgeschichte etc.
Du sprichst von Malern und wie sie gelebt und gearbeitet haben und nicht von Techniken. Die Kinder lernen Urvölker kennen, tauchen ein in die Welt von Bambus und Ton, von Ackerbau und Fischfang. Mathematik ist nicht einfach Zahlen schreiben und Mengen einkreisen. Mathematik ist die Auffassung der Welt in Zahlen, Blut und Haut und Auge und Arsch. Und daran geht gar nichts vorbei!
Und wenn das Kind zur Schule kommt, dann muss es Dich nicht bewundern und lieben und Du bist nicht sein Freund. Du bist eine erwachsene Person, die mit ihm ein Stück Leben geht, es auf Dinge und Menschen aufmerksam macht, hinführt, ausführt, erklärt. Und du lässt das Kind reden und atmen und fragen und hast Zeit. Jede Menge. Auch wenn die Gymnasiumsprüfung bevorsteht oder die Parallelklasse schon das Rechenbuch vier Wochen vorher beendet hat.
Du bringst die Kinder in Schwung, weil du selbst im Schwung bist, Zeitung liest, überhaupt liest und informiert bist, den Puls des Lebens fühlst und atmest, wenn du durch den Wald spazierst oder dich freust am Cabriolet deiner umwerfenden Nachbarin oder deines Kollegen. Du bist lebendig und aus Dir quillt Lebenslust und Lebensfreude. Du bringst die Sinnenfreude in die Schule. In deinem Unterricht darf man tasten und bauen und schmieren und schreien, stille sein und träumen, sich zurückziehen und sich präsentieren, Ohne Scham. Jeder wie er kann. Wie er will. Zuerst nach Deinem Modell, das du zeigst, damit ein Einstieg da ist und Sicherheit wachsen kann. Dann frei. Mit eigenen Mitteln. Eigener Phantasie.
Deine Schüler freuen sich am Gestalten eigener Blätter , sie sind zu intelligent für die Ausfüllerei, das können sie am Computer erledigen, mit Mausklick und Partnerhilfe. Ihre Hefte sind alle Portfolios, Arbeiten, die sie selber gestalten, weil Du ihnen Ästhetik vermittelst, Darstellungsformen zeigst, in Zeitungen und Büchern, in Magazinen und auf Spielanleitungen, auf Packungen und im Werbematerial. Was wirkt, was ist wichtig, was zieht an, was freut, was sieht gut aus. Eine Sauschrift vermittelt nichts, es macht Mühe sie zu entziffern, ich mag sie auch nicht, sie ringt mir Zeit ab, die ich nicht investieren will. Übersicht ist effizient, da kann ich mitreden, finde alles, habe etwas in no time zur Verfügung, ich bin da, bei den Leuten. Du verlangst nicht, dass man das für dich tut, so was Blödes, alle arbeiten für sich, für ihren Teil, ihr Buch, ihr Leben, das Erstklassleben, das Fünftklassleben. Das Kritzeln ist so wichtig wie das Malen, das Skizzieren wie das Ausführen. Alles hat seine Zeit und Ordnung.
Und die Selbstkritik ist da, denn du hast Zeit für Kinder, die die Arbeit kommentieren, die eigene und die fremde. Und du lässt vergleichen und hörst dir an, was für Verbesserungsvorschläge gemacht werden. Denn du lernst von den Kindern, jeden Tag, von ihrer vielfältigen Art zu lernen, ihrer originellen Art, komplexe Verhältnisse zu vereinfachen, von ihrer Ungeduld, ihrer Neugier. Und du lässt Dich anstecken. Hast nie Zeit, müde zu sein und zu gähnen.
Überhaupt, Deine Befindlichkeit ist nicht gefragt. Es ist den Kindern scheissegal, ob du Kopfweh hast oder das Bauchgrimmen. Ausser du wirbst um Mitleid und erziehst die Kinder zu Lügnern. Deine Zipperlein werden erst wichtig, wenn sie, die Kinder, etwas an Schmerz erfahren, dann hören sie dich, wie du sagst, ich zähle jeweils auf zehn und wenn der Schmerz immer noch da ist, weine ich oder Indianer weinen nie oder solchen Scherz. Am besten „Das tut weh, lass uns für Dich etwas tun.“ Wasser hilft und ein bisschen in den Arm nehmen, stopp, sag nicht, das sei ein Übergriff, wenn Du Kinder nicht in den Arm nehmen kannst, bist Du krank.
Ich habe jeden Tag viele Küsse in Chile gekriegt, viele Umarmungen, manchmal hingen die Kinder wie Trauben an mir. Und die Sechstklässler haben ihre Lehrpersonen jeden Tag zum Gruss geküsst. Und es war Respekt dabei und Liebe. Und am „dia de los profesores“ werden die Lehrer mit Blumen und Geschenken und Dankesbezeugungen überhäuft. Und man meint es auch.
Wie arm sind wir doch geworden. Was für Pflichtbrüder. Was für seelenlose Weiber!
Du nicht? Na, dann los im nächsten Schuljahr. Und nicht alles vollplanen am Kopf, dem Herz und Arsch der Kinder vorbei. Von ihnen lernst du, jeden Tag, und sie danken es Dir, mit
einem umwerfenden Lächeln und geradem Rücken. Kannst Du Dir Besseres wünschen?
Und jetzt schöne Ferien, geniess die Tage und Wochen, fülle Geist und Herz und kehre hoch erhobenen Hauptes in die Schule zurück, an den Ort, wo Gegenwart gelebt wird, Zukunft gestaltet werden kann und die Füsse auf den Wurzeln der Vergangenheit stehen.
Ganz herzlich
Maria Tresa Splett-Sialm
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