Kinder      
 

27.04.2010

Sie kommen auf die Welt.
Die Ärzte rennen, die Hebammen sind in Alarmstellung, die Väter gehen unruhig auf und ab, die Mütter schreien, und dann der himmlische Augenblick, ein Wesen zart und klein erblickt das Licht der Welt, wieder ist ein Wunder geschehen: Ein gesundes Kind. Tränen und Lachen der Umgebung, Erleichterung, Stolz, Staunen, Dankbarkeit, das Herz läuft über, erschüttert, bewegt, erlöst. Alle Gefühle der Welt sind in diese Sekunden gepackt. Alles atmet und dankt.

Sie leben den Tag.
Saugen, schmatzen, trinken, rülpsen, schreien, wimmern, seufzen, klammern, greifen, halten, schlecken, schmusen, küssen, streicheln, erstes Lächeln, erstes Brabbeln, erster Zahn, erste Schritte, erste Worte, unglaublich klug hat die Natur es eingerichtet. Des Staunens ist kein Ende, wenn sich Säuglinge zu Kleinkindern entwickeln. Und das Erkunden und Erobern der näheren und ferneren Umgebung ist mit Abenteuergeist und Neugier verbunden, mit grenzenlosem Vertrauen in die grossen Hände, lieben Augen, weichen Hautpolstern, kräftigen Arme, mit grosser Freude an allem, was singt und klingt und schallt und lacht. Und des Nachahmens ist kein Ende. Man ist in seinem eigenen Zuhause angekommen, nimmt die Gerüche der Küche, der Eltern, der Geschwister, Haustiere wahr, unterscheidet Verwandte, Freunde, Bekannte. Der Kreis ums Haus wird grösser. Fremde bleiben fremd. Der Schutzmantel Vorsicht ist in Griffnähe. Mutter und Vater bilden den Zaun, die Mauer, die hält. Da kann man sich halten, festkrallen, in ungewohnten Momenten, in ungewöhnlichen Situationen. Die Natur tut sich auf, ihre Formen, ihre Vielfalt, ihre Farben, ihre Bewegung, Sonne, Mond und Sterne, Tag und Nacht. Und über allem wölbt sich der Himmel, eine Verheissung. Etwas hält das Ganze zusammen, in Ordnung und Liebe.

Sie gehen hinaus.
Andere Kinder, andere Erwachsene. Andere Zuhause. Alles anders, neu. Das eigene Zuhause kommt immer mit, Menschen und Dinge sind jetzt im Kopf und in der Haut. Die Hand, die bringt und holt, die Arme, die umfassen und drücken, sind unsichtbar da und Garantie, dass es weitergeht und das Kind wieder ins Zuhause zurückkehren kann, zu den Menschen und Dingen, die es kennt und liebt. Und täglich fallen Tausende von Fragen und immer ist da jemand, der Antwort gibt. Ein Dialog von Gross und Klein. Eine vollwertige Beziehung.

Sie spielen und lernen.
Mama wird ersetzt durch eine andere Frau, die auch erzählt, fordert und befiehlt. Es gibt viel mehr Spielsachen hier, viel mehr Bücher, einen Berg voll Tücher und Kissen und so viel Papier und Malfarben und Pinsel, aber auch ganz viele Kinder. Lieb, ungehalten, ungeduldig, vorwitzig, trotzig, ungestüm, frech, anmassend, gemein, zärtlich, grob, polternd, schüchtern, erschreckt sind sie und alle wollen alles zuerst haben, zuerst sprechen, antworten, rausgehen, sitzen, malen. Nun sind aber alle gleich wichtig und so müssen alle lernen zu warten und sich zu melden und hinten anzustehen. Eine neue Gemeinschaft entsteht, eine Gemeinschaft mit Regeln fürs Arbeiten und Spielen und Zusammensein.

Sie sind bereit fürs Leben in der Schule.
Der Rucksack ist gepackt: Alle Sinne sind vorbereitet, die Augen offen, der Rücken gerade, das Herz weit, der Kopf oben, die Füsse fest auf der Erde, der Händedruck vertrauensvoll und stark.

So könnte Kindheit aussehen, aber....

@Maria Tresa Splett-Sialm

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