Kindergarten und Grundstufe – ein Plädoyer für das Kindsein      
 

28.06.2010

Nun sagen es die Studien, eine „verlängerte Spielzeit“ im Leben wirkt sich nicht lernsubtrahierend aus. Und ein tiefer soziokultureller Hintergrund kann nicht mit Förderitis eliminiert werden. Nichts Neues unter der Sonne!
Ich weiss eigentlich nicht, warum Eltern ihre Sprösslinge überall hinpuschen. Das Programmieren fängt schon früh an. Möglichst schnell in Kontakt mit andern Kindern kommen, warum eigentlich? Krabbelgruppen, Säuglingsschwimmen, Kindergeburtsfeste mit Animatoren, möglichst früh sozialisieren, möglichst früh die innere Uhr abstellen.
Warum dürfen die Kleinen nicht für sich spielen, Mutter und Vater anhangen, volle Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Zuwendung geniessen? Warum dürfen sie nicht ihre Umwelt zu Hause erobern, sich daheim fühlen, die Kultur eben dieser Familie aufnehmen, darin wachsen, sich entwickeln?

Was sollen die vielen Bezugspersonen, diese wechselnden Augen und Hände und Stimmen?
Und der Kindergarten, die erste Bezugsperson, die einem nach den Erfahrungen zuhause etwas zu sagen hat, die hilft, die Schwelle zur Schule zu überwinden, die das bis jetzt eroberte Stück Welt vergrössert, andere Tore öffnet, warum steht diese „Spiel-Geschichten-Mal-Werk-Musizier-Sing-und Lernstätte“ in den Augen der Bildungsdirektionen und Eltern zur Konkurrenz mit der Grundstufe? Ist es diese Annahme unsäglicher Dummheit, Kinder sollten besser lernen als mit Spielen die Zeit vertreiben? Und die Begegnung mit Kindern unterschiedlicher Herkunft, das Ohröffnen für andere Ausdrücke, Akzeptieren anderer Benehmen, soll das geschehen, bevor die Sprache entwickelt, die eigene Persönlichkeit Form gefasst hat?

Das Experimentieren, das intensive Entdecken der Umgebung, das Hineinwachsen in den Alltag der eigenen Familie, die Bekanntschaft mit den Nachbarn, den Verwandten, die Lust und Freude am Ausprobieren aller Sinne, die spürbare Akzeptanz, Geborgenheit in der Familie, „das warme freundliche Nest“, das alles bildet den Teppich, worauf die Intelligenz landen kann.

Es ist wahr, wir Frauen sind gut ausgebildet. Unser Beruf ist uns wichtig, vor allem, wenn wir erfolgreich sind und ihn lieben. Doch, wenn wir uns für Kinder entscheiden, tun wir gut daran, zu hinterfragen, ob wir einen zweiten Beruf, der mindestens so herausfordernd ist, erlernen wollen. Eltern und Kind müssen die Chance haben, aneinander zu wachsen. Da liegt das Geheimnis dieses grandiosen Prozesses, dieser ohne frömmlerisch zu sein, heiligen Aufgabe, Kinder für diese Welt vorzubereiten: jeden Tag selber zu wachsen, damit das Herz weit, der Geist gross, und die Arme allumfassend werden. Kinder lieben heisst Zeit haben, unbeschränkt Zeit haben und immer wieder zu verzichten, sich und dem Kind zuliebe. Paradox eigentlich: Sichtbar kann nur werden, was nicht materiell ist: Bindungsfähigkeit, Vertrauen in sich und andere, Treue, Zuneigung. Wer das nicht erfährt, hat es unglaublich schwierig im Leben.

Nun, ist das heute gefragt? Brauchen wir sensible Menschen, Menschen mit Kultur?

In den heutigen Familien ist der Plan in der Küche Zentrum. Organisation ist alles. Alle müssen und alles muss funktionieren, sonst gibt’s Zoff.
Wenn ich in die verschiedenen Schulstuben schaue, stockt mir das Herz. Pseudo-Effizienz, Bürokratie, tägliche Diskussionen über Behaviourismus, spürbare Beschleunigung des Alltags, unselige Standardvergleiche, Blätteritis, Gleichmacherei haben schleichend Einzug gehalten. Wenige Lehrpersonen sind es, die Fröhlichkeit, Freude, einen unerschütterlichen Glauben an das Gute, Lebenslust und Neugier verbreiten. So viele tragen schwer am nicht ausgeleerten Reformrucksack und lassen sich von Strukturen den Inhalt ihres Berufes auffressen.
Wer besucht schon Fachkurse, möchte weiterkommen im Wissen, informiert sich über den heutigen Stand von Wissenschaft und Technik? Und Musik und Kunst? Sie sind Alibilektionen zum Ausruhen geworden. Es geht in der Schule bald nur noch um Erreichen von Standards und die bestimmt die Wirtschaft.

Unsere Zeit ist eine kinderfeindliche Zeit. Und übrigens gut zu wissen und zu beherzigen:
Es sind nicht die Medien, es sind die Menschen, die den Menschen kaputtmachen.

Maria Tresa Splett-Sialm

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