12.03.2011
Kunst und Kultur finden in der Schule statt, wenn Kinder und Lehrpersonen ihre eigene Neugier täglich pflegen dürfen. Eine wesentliche Voraussetzung ist das Wachsein gegenüber sich selbst und den Mitmenschen. So ist es möglich, eine eigene künstlerische Palette kennen zu lernen und sie andern auch mitteilen zu können.
Mit dem "Nach aussen treten" wird die Mitbeteiligung und Mitverantwortung an der Kultur der jetzigen Zeit bewusst gemacht.
Nun kann der spannende und abenteuerliche Weg zur Begegnung mit Kulturschaffenden der Gegenwart und Vergangenheit begangen werden. Die Möglichkeit einer verbesserten Lebensqualität durch reiche Erlebnisse an Lebensfreude, Lebenslust, Lebensintensität ist gegeben.
Begriffe
Ästhetische Erziehung ist in der Volksschule eine Schule des Sehens und Schauens.
Indem ich lerne, genau hinzuschauen, nehme ich wahr, was meine Augen sehen, kann ich mit ähnlichen Erlebnissen vergleichen, Verbindungen knüpfen, Gesetzmässigkeiten erkennen. Das Gefühl, das sich damit verbindet, löst neue Freude am Suchen, Finden, Ergänzen aus.
Die Erziehung zum Schauen kann nicht nur in Musik und Zeichnen, sondern in allen Schulfächern stattfinden.
Musik: z.B. Kriterien zum Musikhören nach den Austausch eigener Erfahrungen, Kriterien zum Musikmachen nach dem Hören und Ausprobieren verschiedener Muster (Pattern), Vergleichen verschiedener Stile durch Tanzexperimente
Zeichnen: z.B. Ausstellungen im Zimmer und Schulhaus nach eigenen Kriterien, Diskussionen zu alten und modernen Bildern mit Fragestellungen z.B. Ist jeder ein Picasso? Gefallen mir Rubens Frauen? Ist Mondrian ein Mathematiker?
Mathematik: z.B. Betrachten einer Formel, einer Reihe, einer Zahlenfolge, Zahlen, Formeln auch als Gestaltungselemente und Initialzünder zum Weiterschreiben
Deutsch: Bilder in und zu Wörtern, bildliche Textdarstellungen, gestaltendes Schreiben, Sprachschöpfungen durch Suchen von neuen Bildern aus alten Wörtern, z.B. das Tier-Instinktler, der Schmetterling-Temponascher
Mensch und Umwelt: z.B. Forschungsprojekte in der Natur und in der gestalteten Umwelt mit Beobachtungsaufträgen wie Baumstämme, Blattformen, Insektenbeine, Hausdächer, Balkone, Fenster
Phantasie ist der kostbarste Schatz in allen Beziehungsfeldern, ist Urquell, Ventil, ja sogar Überlebensfaktor. Geistig müde und abgefackelte Menschen sind fantasielos und damit öde, uninteressant.
Phantasie braucht Raum, mindestens im eigenen Kopf, d. h. Gelegenheit, sie zu entdecken, zu entwickeln und einzusetzen. Für die Lehrperson heisst das Freiraum für das Denken und Tun des Kindes, heisst es, selber geistig fit zu bleiben, durch Lust am Lesen wie und wo auch immer, z.B. auch die Kinderliteratur zu kennen, mindestens 50 Klassiker und jedes Jahr zehn bis zwanzig Neuerscheinungen. Absolutes Mindestpaket für Volksschulpädagogen. Die alt bekannten Spaziergänge im Quartier, Dorf oder an den Waldrand wiegen mehr als hinter sich gebrachte Lektionen im Zimmer, auch Filmsequenzen, Magazintitelbilder, Werbeslogans, Chansons alter Schule, eine Farbschachtel, ja sogar der Papierkorb können die Phantasie im Alltag hervorkitzeln.
Kreativität ist die Auslegeschachtel der Phantasie plus dem nötigen Instrumentarium an Fähigkeiten und Fertigkeiten. Die Vorbereitung ein eigenes Verrücktbild zeichnen zu können dauert Monate. Das genaue Festhalten einer eben aufgegangenen Knospe hat sehr viel mit Kreativität zu tun. Die Verzierung von Klosettrollenröhren weniger und auch nicht der Kilometertatzelwurm, ausser er jucke bei jedem Meter oder jaule bei allen Hunderteretappen verschieden. Wenn Wunderblumen wirklich wundern, wollen wir weiter werken. Aber sollten siebenundzwanzig Sonnenblumen sich selten sonderlich simultan sehen, sorgen sich sieben saftige Silberdisteln selber solch sinkend Sein zu erfahren. Buchstaben können Kinder auch auf Pausenplätze und Wände, in Gänge und auf Mauern schreiben anstatt seitenweise in A5Hefte.
Talent hat jeder irgendwo und sei es, die Lehrperson mit tollen Ausreden fachmännisch zu umgarnen. Talent ist entweder die Fähigkeit, eine Gabe nutzbringend einzusetzen oder durch Üben einer Anlage immer mehr zum Spezialisten zu werden. Die Umgebung spielt bei der Entwicklung des Talentes eine Rolle. Die Schule ist eine Meisterin im Verkennen von Talenten. Mir kommt manchmal die Lehrerschaft wie ein gedemütigter Haufen von beleidigten Nichtentdeckten vor. Geizig mit Lob, neidisch auf Hochbegabte, misstrauisch bei Talentierten. Glücklich, wer in seiner Schulstube Originale hat, solche, die einem liebenswert auf den Wecker gehen und die einem fehlen, wenn ihr Gemotze verklungen ist. Ein Talent zu fördern steht im Pflichtenheft des Lehrers, siehe Phantasie oben, weitet den Horizont und macht erst noch Spass.
Kunst kann wohl zufällig in der Morgenfrühe oder Abendspöte, beiläufig oder sogar mitläufig entstehen, aber sicher gelingt dies wenigen Künstlern zu ihrer vollen Zufriedenheit. Meist geht den sogenannten Würfen eine ermüdende Knochenarbeit voraus, ein Ringen, Zermürben, hartnäckiges Suchen, Ausprobieren, Verwerfen, Zerstören, Neuaufbauen. Ein künstlerischer Prozess geschieht immer in diszipliniertem Alleingang. Ich glaube nicht an demokratische künstlerische Prozesse. Spätestens wenn in der Gruppenarbeit die Ecken weggemalt sind, kommt es zur Rauferei. Die Ideen sind angekurbelt, jeder will ins Innere vordringen, nur ein sozial Angefressener würde den künstlerischen Prozess aufhalten und eine Sichfindungs-Runde einleiten. Nun gingen alle vorwärts auf dem sozialen Trip, dafür die Kunst flöten. Es wäre denn, die Kinder würden in Eigenregie ihre Wege gehen, mit Krach und Auseinandersetzung künstlerisch klar kommen. Die Lehrperson erträgt es, zuzuschauen, macht sich vielleicht ein Protokoll und lässt sich im Nachhinein erklären, was zur Ohrfeige oder zum hässlichen Wort geführt hat. Kinder können kritisch Kunst klären.
Kultur ist der Massstab im Unterricht, misst also den Umgang von Kindern und Erwachsenen:
"Achtung vor dem Kind, weil es schon ein Mensch ist und nicht ein unfertiges Wesen. Auch die Welt des Kindes ist eine richtige echte Welt . Kinder sind nicht dümmer als die Erwachsenen, sie haben nur weniger Erfahrung."
Janusz Korzsak
Kultur im Schulhaus gibt es, wenn Zeit für Phantasie und Kreativität zur Selbstverständlichkeit werden, niemand seiner Lektion nachtrauert, die durch den verlängerten gemeinsamen Wochenanfang, ausfällt, die Kleinen die Werke der Grossen bewundern und ihren Erklärungen zuhören und die Grossen die Kleinen in ihrer Umgebung besuchen dürfen.
Kultur riecht man, wenn man ein Schulhaus betritt. Wo haben Kinderideen Platz, wo sind sie selber präsent, wie viele Jahre hängen dieselben Bilder, obwohl eine andere Generation schon herangewachsen ist, was verbindet uns mit früher. Kultur kennt Rituale, Zeremonien, Kulinarisches und ernste Gespräche im Gang genauso wie small talk unter allen, die da ein- und ausgehen.
Knochenarbeit
Obwohl es zu Glanzpunkten, Höhenflügen, Sternschnuppenzeiten kommen kann, ist das kulturelle und künstlerische Schaffen im Unterricht harte Knochenarbeit.
Kunst und Kultur in der Schule lösen Prozesse in der Persönlichkeitsentwicklung aus. Es werden Fetzen in der Konfrontation mit sich selbst und andern fliegen. Es ist hart, die eigenen Grenzen zu erleben und sie anzunehmen. Es ist mühsam, alle Werdungsprozesse zu durchlaufen, nicht aufzugeben, sich immer wieder aufzurappeln, Frustrationen zu erleben, nicht den gedachten Ausdruck realisieren zu können.
Knochenarbeit ist programmiert, aber gelebte Phantasie beflügelt, macht frei für Staunen, Bewunderung, Anerkennung und setzt Energien frei.
Maria Tresa Splett-Sialm
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