23.05.2010
Eines steht fest: Musik als Unterrichtsfach oder Musik als Verbindung zu Kunst und Sprache existiert an den zürcherischen Primarschulen praktisch nicht mehr.
Geschichte eines Niedergangs
Die Entstehungskosten für das Musiklehrmittel “Das isch Musig 1-4“, das auch heute noch in Stil, Komplexität, unerschöpflichen Lehr- und Lernmöglichkeiten in seiner Art einzigartig ist, ist es doch ein Gesamt-Lehrwerk für die Kulturerziehung an der Primarschule, waren immens:
Beste Fotografin, Beste Illustratoren, erstklassige Tonbeispiele, Erprobung in direktem Austausch mit den Autoren, das Schülerbuch in der Aufmachung eines Musikbordbuches mit Raum für persönliche Gestaltung, das umfassende Lehrer-Handbuch ein pädagogischer Führer und ein Sachbuch mit Fotos, Abbildungen und Erläuterungen.
Das 2003 von allen Schulkapiteln beschlossene „Obligatorium des Lehrmittels“, die Aufforderung, Einführungskurse für die Mittelstufe zu planen und ein Gesamtverzeichnis zu erstellen wurden vom Synodalrat bestätigt, aber im nächsten Schulblatt konnte man den Bescheid der Lehrmittelkommission lesen: Das Lehrmittel wird auf „zugelassen“ zurückgesetzt. Ohne Kommentar.
Von Einführungskursen war nicht mehr die Rede.
Damit wurde Musik, ein ganz wichtiges Fach auf dieser Stufe, zur Beliebigkeit im Unterricht und nicht als Verbindung zu Ausdruck, Wahrnehmung, künstlerischer Auseinandersetzung, Verbindung zur persönlichen Entwicklung, Entwicklung zu Kritikfähigkeit wahrgenommen.
Frau Bildungsdirektorin Aeppli liess sich zwei Jahre Zeit mit ihrer Antwort auf meine Intervention und gab mir (2005 ) aber schriftlich zu verstehen, dass alle Lehrkräfte im Kanton Zürich den Lehrplan im Fach Musik zu erfüllen hätten und dann sowieso dieses Lehrmittel benützen müssten!!!!
Der Lehrmittelverlag Zürich sitzt auf den Türmen von Exemplaren, Erhebungen zeigen, dass Musik in den zürcherischen Schulen- anderswo wahrscheinlich auch- ein Aschenputteldasein fristet, keine Zeit, keine Lust, kein Interesse. Die meisten Lehrkräfte wissen nicht einmal, dass sie Anrecht haben, sich dieses Lehrmittel für Ihre Klasse anzuschaffen.
Auf der Unterstufe hat man angefangen, im Englischunterricht zu singen, die Grundschulmusik auch als Lektion aufzurechnen und damit Musik abzuhaken.
Noch trister sieht es auf der Mittelstufe aus. Anstatt sich des zürcherischen Musik- Lehrmittels anzunehmen und dieses fächerverbindende Instrumentarium für Musik, Sprache, Kunst, Theater, Mensch und Umwelt, also Kulturerziehung, einzusetzen, ignoriert man das Fach oder ersetzt es durch Singen in den beiden Fremdsprachen.
Was nicht als obligatorisch erklärt wird, findet nicht statt. Was nicht eingeführt wird, fällt weg. Ist das so im Lehrerberuf?
Das Lehrmittel für die Mittelstufe hält folgenden Kriterien stand:
Kulturerziehung
Kulturbewusstsein, Begegnung mit Kultur, Auseinandersetzung mit Kultur
Schulung der Sprache
Sprechstimme Sprachgestaltung, Sprachfundus, szenisch/schöpferisches arbeiten
Didaktik-Instrumentarium
für Projektunterricht, selbsttätiges Arbeiten, offener Unterricht, Modelllernen
Erziehung zu Toleranz
Multikulturelle Gesellschaft, Heterogenität, Integration
Persönlichkeitsbildung
Menschenbild, Entfaltung, Mitbestimmung, Rechte des Kindes
Identitätsfindung
Aufbau der eigenen Klassen/Schulhaus- Identität
Portraits, Steckbriefe, Klassensongs, Wochenanfänge
Die Rechte des Kindes auf Bildung
Kinder haben ein Recht, auf die vielen Möglichkeiten von Entfaltung und Entwicklung durch eigenes Erleben und Handeln aufmerksam gemacht zu werden. Sie müssen die Chance haben, ihr zukünftiges Musikverhalten (sprich Konsumverhalten, Gruppenzugehörigkeit) durch verschiedenste Handlungs- und Denkebenen kritisch anzuschauen.
Die Erziehung zur Kultur, Mitverantwortung durch aktives Denken und Handeln, darf nicht ausbleiben
und das Sensorium für den Zusammenhang zwischen Musik, Kunst, Sprache und Ausdruck der Zeit, Beziehung zu den eigenen Wurzeln, Begegnung mit der eigenen Kultur und andern Kulturen muss geweckt und entwickelt werden.
Kinder sind die Bauleute unserer Zukunft. Kulturerziehung muss früh stattfinden und zur Selbstverständlichkeit werden. Wo kann das nachhaltiger geschehen als in unserer Volksschule?
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