Schriftdeutsch- Mundart      
 

06.04.2010

Der Dialog der beiden Herren Sieber/ Guggenbühl gibt mir zu denken, keiner nimmt Bezug auf die Entwicklung unserer Muttersprache, auf die Zeit, wenn die Mundart zur Mund-Art wird, zum reichen Brunnen der Ausdrucksmöglichkeit, wenn also die Sprachseele entsteht, das also, was Sprache ausmacht, Beziehung von Mensch zu Mensch.
Sprachschöpferisches geschieht, wenn das Kind in einer Sprache angekommen ist, ungefähr zwischen drei und vier. Es ist die Zeit des Ausprobierens, des Dahinterschauens, des Verstehens, des Hinterfotzigen auch, die Fäkalsprache spielt plötzlich eine Rolle, Namen- und Handlungserfindungs- Kreationen entstehen.
Sprachmelodie, Dynamik, Tempo, Rhythmus fangen an zu interessieren und werden einmal spielerisch, einmal bewusst ausprobiert und eingesetzt. Das Kind hört der Umgebung und sich selber zu. Es agiert und reagiert in seiner Sprache.
Mutter, Vater, Geschwister im Besonderen, aber auch die Nachbarschaft, der Freundeskreis der Familie, die Verwandtschaft, also nahe stehende Menschen, die Zeit zum Mitspielen, Zuhören, Beobachten, Mittun etc. haben und durch ihr eigenes Tun und Lassen im Alltag wiederum neue Perspektiven von Sprache mitteilen, sind wichtige Mitgestalter des kindlichen Sprachschatzes.
Im Kindergarten oder in der Grundstufe wird dieser Sprachschatz eingesetzt, gefestigt und erweitert, eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Begegnung mit einer neuen Sprache.
Unsere Muttersprache ist die Mundart, sie in ihrer Entwicklung abzuklemmen, ist „ein gar töricht Ding“. Die Folge ist eine Sprachverarmung, der Weg zu Floskeln, zum Unverbindlichen, die Sprache verliert ihren Kern, sie wird zum Instrument, zur blossen Alltagsbewältigung, ich kann mich zwar verständigen, aber nicht ausdrücken, es fehlt die Haut.
Wer eine farbige, präzise Muttersprache spricht, wer Denken, Situationen und Handlungen seinen Möglichkeiten entsprechend in Worte fassen kann, hat keine Mühe, eine andere Sprache zu lernen.

Dass Schweizer Kinder im Schulalter ein wunderbares Schriftdeutsch sprechen und schreiben können und diese Sprache auch lieben, weil sie eine weitere Form von persönlichem Ausdruck und Begegnung mit einer weiteren reichen Kultur öffnet, dafür habe ich persönlich unzählige Beweise. Voraussetzung ist eine voll ausgeschöpfte Muttersprache, und das ist und bleibt in unserer Heimat, die Schweizer Mundart.
Im übrigen lernen Kinder ausländischer Eltern sehr schnell sich in der Sprache ihrer Spielkameraden auszudrücken, sie wollen ja mitreden, mittun, mitleben. Dazu braucht es im Kindergarten den natürlichen direkten Zugang, die Alltagssprache, unsere Mundart in ihrer Vielfalt, und nicht den Umweg über eine andere Sprache. Je besser die eigene Muttersprache ausgebildet ist, desto bessere Startchancen haben auch diese Kinder und zudem eröffnet sich ihnen die Möglichkeit, einer anderen ebenso reichen Kultur wie der ihren, auf allen Ebenen zu begegnen.

Maria Tresa Splett-Sialm

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