Von Engeln, Hirten und Wichteln      
 

12.11.2010

Aussprüche von Lehrkräften
Ich verbürge dafür, diese Aussprüche selbst gehört zu haben.
"Ich kann doch nicht Weihnachten feiern, hast Du mir eine Idee, wie ich irgendwie Festlaune ins Zimmer bringen könnte?"
"Die Lieder sind mir einfach zu verstaubt und weißt Du, die Sache vom Kind in der Wiege, die ist mir zu eng."
"Was sollen die Krippen und Engel, mir sagen solche Dinge nichts. Ist doch alles Verkaufsstrategie."
"Mir reicht der Kitsch in der Stadt, Gold und Glitzer und Sterngefunkel sind nicht mein Ding."

Die Weihnachtsidee
Stille, Erwartung, Geheimnis, Feierlichkeit- das Kribbeln, Warten, Ausharren- die Freude, die Überraschung, der innere Jauchzer- das Nahesein, das Miteinander, das Füreinander- das Gestalten, das Vorbereiten, das Geben- das Nehmen, Danken, Erfülltsein.
Ist das wirklich nichts? Und all die Sinnenfreuden? Und das Berührtsein, Gerührtsein, Angesprochensein?

Von Engeln
Sie sind gross und mächtig, kommen in Heerscharen, haben Namen, sind Mittler zwischen Himmel und Erde, erscheinen und verschwinden. Von ihnen ist in alten Schriften die Rede. Man sagt, dass jeder Mensch seinen Engel habe, unverwechselbar.
Seit Jahrhunderten existieren Bilder von Engeln. Sie sind auch mitten unter uns, Menschengesichter, die Engelszüge zeigen, Handlungen, die das Menschliche übersteigen, Gedanken, die geradezu himmlisch sind.
Menschen haben auch Engel geschaffen, als Skulpturen in Kirchen, Gärten, auf Friedhöfen. Tröstende, kämpfende, schützende, wachende, segnende, weinende, lachende, kindliche, übermütige...
Werbung und Kommerz bedienen sich der Engelsbilder, ihre Engel kommen alle in Scharen und gleichen sich aufs Ei, putzige, kindische, süssliche, freche, die einen kumpelhaft, die andern mit dem Jö-Effekt.
Aus Gips und Plastik sind sie, vergoldet und glänzend. Man kann sie waschen und abstauben, aufkleben, aufstellen, auch fürs nächste Jahr versorgen.
Von Engeln sprechen, heisst über sich selber reden. Engel gestalten, heisst, ganz tief ins Unterbewusstsein hinuntersteigen und ein Bild heraufholen. Merken, dass es da viele Bilder gibt, auch unverwechselbare.
Der Weihnachtsengel ist ein besonderer Engel, er verkündet die Botschaft von Freude und Friede allen, die guten Willens sind. Und alle die Heerscharen, die mit ihm sind, singen feierlich, denn die Musik gehört zu jedem Fest, genauso wie die Feierlichkeit und das Berührtsein und die Freude.

Kinder und Engel, das liegt ganz nah beisammen. Wer es fassen kann, der fasse es.

Von Hirten
Hirten sind Männer mit Mut und der Kraft, etwas aushalten zu können. Kälte, Entbehrung, Verlust.
Sie sind sich an Einsamkeit gewöhnt, haben einen besonderen Draht zu den Tieren. Sie deuten Zeichen der Natur, kennen das Wetterleuchten und den Stand der Sterne.
Die Sehnsucht allein zu sein, sich mit Ziegen, Schafen, Kühen, Yaks, Kamelen... auf Wanderschaft zu begeben, ist auch heute ein Wunsch von vielen. Unterwegs sein, den Tag durchschreiten, die Nacht unter freiem Himmel erleben, dem Boden vertrauen, die Wärme der Tiere spüren, deren Atem als Rhythmus ins Herz strömen lassen, vertrauen und gehen, warten und ruhig werden, aufbrechen und dem Ziel entgegen sehen.
Ein Hirte hat keine Aufstiegsmöglichkeiten, er lebt die Genügsamkeit. Eine falsche Romantik würde ihn degradieren oder sogar umbringen, er kann nur mit der Realität rechnen. Sein Herz ist offen, es reagiert, wenn es gebraucht wird.
Die Hirten von Bethlehem nahmen mit an die Krippe, was vorhanden war und schenkten grosszügig. Sie konnten gar nicht anders. Es gab kein Fackeln und Fragen. Sie leisteten dem Auftrag Folge. Das war alles.
So einfach war das für sie. Und so gewaltig, nachdem sie gesehen hatten.
Kinder verstehen Hirten, weil sie in ihnen das kindliche Gemüt entdecken. Weil sie nachvollziehen können, wie herrlich es sein muss, ein verwundetes Schäfchen heimzutragen oder einem Mutterschaf über das Fell zu streicheln. Auch ist den Kindern das Staunen noch nicht abhanden gekommen, darum verstehen sie den offenen Mund und das Verwirrtsein der Hirten beim Anblick der Engel. Ihnen wäre es ja auch so ergangen.
Schöne, wilde, starke, vollblütige, einsilbige, kräftige, starke, vertrauensvolle, warmherzige Männer mit tiefen Bassstimmen mögen sie gewesen sein, die Hirten. Spannendere Gestalten übrigens als die Poster-Muskelprotzen und Glanzpapierpotenzler.

Von Wichteln
Ganz sachte haben sie ihre selbst genähten kleinen Männchen in den Arm genommen, mit ihnen gesprochen, ihnen die Geheimnisse anvertraut, die niemand sonst zu hören bekam, und sie zu Hause im eigenen Schlafzimmer in einen entlegenen Winkel gebracht, wohl wissend, dass da auch ein Stück ihres Seins und ihrer Phantasie hineingedacht war- Sechstklässler der heutigen Zeit mit Handys im Sack und Apples zu Hause, mit dem Hang zu stundenlangem Computerspiel und... und...
Vorausgegangen waren die Geschichten der nordischen Wichtel, Tolkiens Weihnachtsmannbriefe, eigene Wichtelerzählungen, Kunde über Traditionen und Brauchtum, Skizzen, Zeichnungen, geformte Wichtelgesichter, Schattenspiele.
Und so nahmen die Wichtel Platz neben den ausdrucksstarken Engelsgesichtern und den in goldenen Lettern geschriebenen Hierarchien von Engeln der Fünftklässler und den knieneden, wachenden, gehenden, sinnenden, suchenden Hirten der Viertklässler.

Und es kamen die Kinder, Frauen und Männer aus dem Dorfe, lauschten den Erzählungen, den Liedern und Gedichten, schritten durch die Engelscharen, entdeckten die Wichtel und wachten mit den Hirten über die hundert Lichter im Schulhof und auf den Treppen. Und der Glühwein schmeckte und das Gebackene, und man hielt sich bei den Händen.
So reich ist Weihnachten. So voll Sinnesfreude und innerem Jauchzen.

Maria Tresa Splett-Sialm

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