Weiterbildung junger und alter Lehrpersonen      
 

10.01.2011

Lernfreude ist eine Voraussetzung für den "Lehren -Beruf".
Stellen Sie sich vor, Sie sind 25, arbeiten in der Schule und denken nie darüber nach, was Sie von Ihren Schülern, durch bestimmte Schulsituationen, durch Zufall täglich lernen.
Schade!
Es entgeht Ihnen die Freude, aber auch der Spass als logische Folge dieser Tatsache
immer wieder in Lexikonen nach Begriffen zu suchen
auf dem Büchermarkt nach Sachbüchern zu stöbern
sich in der Nacht noch einen Jugendroman um die Ohren zu schlagen
ausgewählte Fachliteratur beizuziehen
ein Gespräch in Gang zu setzen
auf einer Bank in Musse alles revue passieren zu lassen.

Es fehlt Ihnen der Antrieb
Ihre Internetsadressenliste auf neustem Stand zu halten
sich anfeuern zu lassen, schon morgen eine Arbeitsgruppe auf die Beine zu stellen
im Chatroom darüber auszutauschen..

Sie verzichten auf das besondere Gefühl bei Entdeckungen wie
Ihr Schulzimmer einmal allein zu durchschreiten
in die "schrecklichen" leeren Nischen zu schauen, die Schülerin Lisa von ihrem Platz aus jeden Tag sieht
die schon überfälligen Plakate zu bemerken.
und endlos weiter...

Ich glaube, Sie haben den falschen Beruf. Wechseln Sie schnell, bevor Sie das schlimmste Stadium erreicht haben, nämlich langweilig zu werden.

Lernfreude ist die Voraussetzung, das Leben meistern zu können.
Stellen Sie sich vor, Sie sind 60 und haben das Gefühl, es sei schon alles gelaufen und Sie
könnten nun nur noch "Unterricht abwickeln".
Katastrophal!
Sie nehmen sich das jung erhaltende Staunen weg, das Sie Ihren Schülern bis zum letzten Arbeitstag lebendig erhält, trotz der grauen Haare, des langsamer gewordenen Ganges
das lebenslange Staunen des Menschen, das der zukünftigen Generation die Botschaft vermittelt, dass das Leben immer spannend ist, dass man es selbst gestalten kann.

Sie verzichten auf das Elixier der Neugier, das Sie antreibt, alles nochmals neu anzugehen,
vielleicht etwas Verrücktes auszuprobieren, z.B. selber "nichts zu tun", nur machen zu lassen
oder den Stundenplan über den Haufen zu werfen und ganze Tage der Idee eines Kindes zu widmen
in alten Unterlagen zu kramen, um dort Begriffe zu entdecken, die sich geändert haben oder ewig die gleichen bleiben, darüber Buch zu führen, Forschung zu betreiben..

Sie verpassen die Chance der steten Horizonterweiterung, die Ihnen Gewissheit gibt, dass Sie noch etwas leisten können, dass Sie den kostbaren Schatz, den Sie sich durch das köstliche Lesen angeeignet haben, noch unverschämt vergrössern können.

Sie nehmen sich die Freude
Ihr ganzes Wissen vorbehaltlos dem Kollegium zur Verfügung stellen zu können, damit all Ihre reichen Erfahrungen der Schule erhalten bleiben.

Sie verkennen die phantastische Herausforderung mit einer jungen Kollegin ein zukunftsgerichtetes Arbeitsgespann zu verwirklichen.
und endlos weiter...

Sie enden freudlos, keine gute Voraussetzung für die dritte Lebensphase, in der Sie die kreative Schaffenskraft des Alters ausnützen könnten..
Ohne das Wirken alter aktiver Menschen wären viele Kapitel der Kulturgeschichte, Politik und Kunst nicht geschrieben worden. (Siehe auch Stiftung Kreatives Alter)

Permanente Weiterbildung hilft, seelisch gesund und fachlich am Ball zu bleiben.

Individuelle Weiterbildung
Ich behaupte, dass
die Kindergärtnerin, die sich an Wettbewerben im Judo stark macht
die Lehrerin, die jeden Samstag im Atelier eines Künstlers experimentiert
der Lehrer, der übers Wochenende Interessierten als Segelflliegerpilot die Schweiz zeigt
die Lehrerin, die im Tessin eine Schildkrötenzucht hält
der Lehrer, der als Theaterschaffender an Tourneen teilnimmt,
die Kindergärtnerin, die regelmässig ihre Aquarellbilder ausstellt
die Lehrerin, die mit ihrem Chor auf Weltreise geht
der Lehrer, der an seinem Lettisch-Diplom arbeitet
seelisch gesund bleiben und dass sie über diese permanente individuelle Weiterbildung niemandem, aber auch gar niemandem Rechenschaft abgeben müssen, sondern grosse Anerkennung von der Schulpflege und Elternschaft verdienen und Bewunderung, mindestens aber Respekt und Wertschätzung vom Kollegium erfahren sollten.
Solche Lehrpersonen unterrichten eher phantasievoll und verhindern, dass unsere Schule zur Holzschnittpädagogik, blutleeren Organisation oder wirtschaftskonformer Technokratie verkommt.

Intensiv-und Langzeitweiterbildung
Wenn mir in der Ausbildung vermittelt wird, dass ich zwar selbstbewusst ins Feld ziehen kann, aber,
dass ich mich jedes Jahr einem Anforderungsprofil, pädagogisch wie fachlich, stellen muss, um in
diesem Job in jeder Hinsicht gesund bleiben zu können, ist mir die permanente Fortbildung auf den
Leib geschrieben.
Die Intensivfortbildung nützt, wenn sie schulfern gestaltet ist und mindestens drei Monate dauert. Sie findet ihren Abschluss in einem Vorzeigeprodukt, ob das nun ein Bürostuhl, der Umbau eines Hausteils oder eine Studie über Regenwürmer ist.
Die Lehrerschaft neigt sowieso dazu, alles viel zu pädagogisch-psychologisch, denn wissenschaftlich oder einfach sachbezogen zu sehen.

Den Unterricht übernehmen während der Fortbildung die in der Ausbildung stehenden Studenten mit ihren HochschullehrerInnen.
Durch die gemeinsame Vor-und Nachbereitung von Stelleninhaber und Verweser ist die Zusammenarbeit zwischen jung/erfahren in die Wege geleitet, durch das Unterrichtsteam Student/ Dozentin ist der Theorie-Praxis-Bezug gewährleistet, die nötige Selbst-und Fremdevaluation aufgegleist und die verschiedenen Schulen und Arten von Schulführung auch an der Hochschule à jour präsent.

Weiterbildungskonzept jeder Schule
Unser Berufsstand ist eine spezielle Ansammlung von Individuen. Wenn wir einmal gelernt haben,
dass das Arbeiten in Gruppen die einzige Chance in unserm Beruf ist, erstens um nicht geistig
zu vereinsamen, zweitens um innovativ und spritzig zu bleiben, werden wir fantastische
Weiterbildungskonzepte entwickeln können, dorf-stadt-quartier-geschneiderte und erst noch
zukunftsgerichtete.

Das Gruppenlernen kann aber nicht per Moderator, Mediator oder von aussen gelenkt gelernt werden. Jemand aus dem Team muss die pädagogische Verantwortung für das Lernen im Schulhaus übernehmen. Dies muss nicht unbedingt die Schulleitung sein, wenn aber eine dafür prädestinierte Person, die Geist, Witz, Phantasie und Weitsicht besitzt und mit Lust Zeit dafür einsetzt.

Ich finde, dass die Resourcen in den einzelnen Schulhäusern zu wenig genutzt werden. Schulen müssten auch viel mehr an die Öffentlichkeit treten:
nicht nur mit Aufführungen und Projektwochen, sondern mit Gedanken, die gerade diese Schule speziell beschäftigen, mit der Information über sämtliche Arbeiten einer ganz gewöhnlichen Woche, mit dem Ablauf eines Versuchs, der auf Risiko ausprobiert wurde, mit der Darstellung von Problemen, die immer wieder auftauchen, mit dem Hilfeschrei, dass sich kein Schwein mehr dankbar zeigt und dass alles selbstverständlich ist, mit wahren Geschichten über Mobbing und Gemeinheiten, mit der Schilderung von Sternstunden-oder Starmomenten, mit der Aufzeichnung guter Elterngespräche, mit Witzen, Zeichnungen, Erzeugnissen von Literatur- Musik-und Kunstschaffenden im Schulhaus.
etc.

Finanzierung der Weiterbildung
Man hat im Zusammenhang mit der Pisastudie endlich herausgefunden, dass letztlich gute LehrerInnen eine gute Schule ausmachen. Eine eher sehr späte Erleuchtung!!!
Wer an der Lehrerschaft vorbeistrukturiert, organisiert, reformiert, ändert nichts. Die Schule kann sich nur von innen heraus erneuern. Alle Lehrpersonen, die sich als gute Lehrkräfte deklarieren, haben die Pflicht, in ihrem Schulhaus für Lebendigkeit und Fortschritt zu sorgen.
Langweiler, Unterentwickelte, Kulturbanausen, Kunstleichen, Nicht-Leser, Zeitschinder, Duckmäuser müssen zum Gehen veranlasst werden und dürfen nicht auf Kinder "losgelassen werden". Das wäre Bildungsschändung.
Die Lehrerschaft muss aber Zeit haben, ihre Ideen entwickeln zu können. Dazu braucht sie Freiräume. Nicht Randstunden und Mittagszeiten, sondern ganze Tage und Wochen. Wir können bei unserm über 50-Wochenstundenpensum nicht auf Dauer-Kreativität und -Hochleistung machen. Diese Freiräume müssen finanziert werden. Warum springt hier nicht die Wirtschaft in die Bresche? Sie tut dies als Investition in die Zukunft, in die Bildung unserer Kinder, und zwar mit der weisen Voraussicht, dass die Resultate nicht gleich auf der Hand, sondern erst in der Zukunft vorliegen. Das sind bessere Investitionen als Anschaffung, Wartung und ständige Erneuerung technischer Wundermittel. oder die unermesslichen Summen, die den Schulberatern und Schulmoderatoren zufliessen.

Was nicht im Schulhaus selber in Gang kommt, verläuft bald im Sand. Fachleute aus den verschiedensten Berufsgattungen könnten einen Beitrag an Schulentwicklung leisten. Das Töpfern lernt man nicht in pädagogisch-orientierten Kursen, sondern beim Töpfer.
Wer Mathematik unterrichtet, muss Mathematik lieben, oder lieben lernen wollen. Wo kann er das besser als bei einem angefressenen Berufsmann.
Ich stelle fest, dass nur langdauernde Kurse einen Lerneffekt haben und und oft auch, wenn sie nicht direkt schulorientiert sind, also Biologie in der Gärtnerei oder beim Heckenpfleger, Zoologie auf dem Bauernhof oder im Zoo, auch im Wartezimmer des Tierarztes, usw. Solche wirksamen an der realen Welt orientierten Weiterbildungen zahlen Lehrpersonen gerne selber.

Generationenwissen
Mosaiksteinbildung und Defizitenkleisterung machen Bildung kaputt. Diese Bildungsart widerspricht der Natur des Lernens.
Wenn man sich an der Wirtschaft und ihren Modulen orientiert, sollte man den neusten Trend verfolgen:
Es gibt Firmen, die die Alten holen, weil ihnen der Erfahrungsschatz fehlt.
An der HSG lässt man durchblicken, dass vielseitige kreative, innovative, weitdenkende Studenten Aussicht auf gute Posten in der Zukunft haben werden und nicht Spezialistenbolzen...

An der Volksschule mitzuwirken ist eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit. Die Selbstverständlichkeit einer permanenten Weiterbildung ermöglicht, sich Lust und Kapazität zu erhalten. und seelisch gesund zu bleiben.

Maria Tresa Splett-Sialm

 

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